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Anna Kulinicz, Häftling 6403 Seite drucken
Die Evakuierten aus Warschau kamen mit ihrer ganze Habe, wenn sie sie aus dem bombardierten und brennenden Warschau retten konnten. Gleich nach der Ankunft wurde ihnen alles genommen. Manchmal retteten sie ein Buch. Vielleicht klingt es merkwürdige, dass man unter solchen Bedingungen das Leben für ein Buch riskierte. Für den Geist, der zwei Jahre keine Nahrung hatte, - den Hunger nach geistiger Nahrung fühlte ich genau so schmerzhaft wie physischen Hunger.

Unter den evakuierten Warschauerinnen waren viele Schwangere und Kinder. Tragisch war es für die zukünftigen Mütter. Mit den Erinnerungen an das umkämpfte brennende Warschau, müde und zerschlagen nach der vielstündigen Reise im überfüllten Viehwagen, ohne Familie, ohne ihren Besitz, mit der Aussicht, ein Kind in dieser Hölle zu gebären, die schlimmer als Dantes-Hölle war. Zu meiner Baracke Nr. 20 kamen einige Schwangere. Zusammen mit Stasia versuchten wir, ihnen etwas zu helfen, etwa eine größere Portion Suppe zu geben oder etwas aus den Paketen. Aber man konnte es auch natürlich nicht auf Kosten der anderen machen. Alle waren wir hungrig. Die Pakete bekamen nur einige, und oftmals sehr bescheiden, weil vorher die SS-Männer viel gestohlen hatten. Manchmal baten wir um etwas aus der Küche, einen zusätzlichen ganzen oder halben Kessel Suppe. Die alte Damen, Strickerinnen, nähten mit der Hand die Sachen für Neugeborenen aus den Materialien, die die Näherinnen in den Werkstätten stehlen konnten. Als die Kinder aus dem evakuierten Warschau geboren wurden, unsere Baracke wurde eine heimliche Werkstatt geworden.
MÓJ XX WIEK Wspomniena, Stettin 2003
Zitiert aus unveröffentlichter deutscher Übersetzung
Autsch, Angela
Dembowska, Henryka
Grollmuß, Maria
Kafka, Restituta
Rivet, Elise
v. Thadden, Elisabeth
Kulinicz, Anna
Poltawska, Wanda
 
 
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