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Anrufung Gottes in den Zeichen der Zeit Seite drucken

Sehr geehrte Damen und Herren,
tief berührt, ernst und dankbar werden Sie wie ich durch diese Ausstellung gehen: "Christliche Frauen im Widerstehen gegen den Nationalsozialismus". Tief berührt - denn es wird nicht nur von Großartigem, sondern auch von Wunden erzählt, die nicht heilen wollen. Ernst - denn hier ist eine andere Seite von Zukunft aufgerufen, eine Zukunft jenseits der Superstars. Dankbar - denn in diesen Gesichtern und Geschichten sind die humanen Wurzeln unserer Gegenwart erinnert.

Nun tritt die Generation derer, die Krieg und Nationalsozialismus noch miterlebt haben, langsam ab. Aus lebendiger Erfahrung wird zusehends geronnene Geschichte. Deshalb gilt es, einen vorwärts drängenden Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart und zu unserer Zukunft zu schlagen. Was bedeutet also die Geschichte des Widerstehens damals für uns heute?

1. Zunächst - den Begriff des Widerstehens buchstabierend: Beharren kann Rücksichtslosigkeit sein, - wir erfahren das ja an den Diskussionen um die Sozialsysteme derzeit. Widerstand in einem ethischen, zumal christlichen Sinn ist Aufruf der Humanität des Menschen, ist Notschrei für die theologische Ehre des uns anvertrauten, des allemal verletzlichen Menschen.

Solcher Widerstand ist nicht einfach Attitüde des Andersseins, ist nicht unausrottbarer Wille in einer konsensgelähmten, diskursgelangweilten Gesellschaft, ist auch nicht ästhetische Kapriole einer medial inszenierten Lebenswelt. Widerstand in christlichem Sinne kapriziert sich nicht auf Kosten anderer, sondern tritt ein für andere. Solcher Widerstand bricht auf an Verwundbarkeit, an dem, was wir in der christlichen Tradition die Zeichen der Zeit nennen. Zeichen der Zeit?

Gewiß, das Grauen des Nationalsozialismus wird vermutlich in unserem Lande nicht wiederkommen, und es ist völlig unangemessen und schäbig, auch nur die geringsten Parallelen zwischen der Diktatur damals und dem demokratischen Rechtsstaat heute ziehen zu wollen. Dürfen wir uns aber deshalb in Sicherheit fühlen gegenüber inhumanen Tendenzen in unserer Gesellschaft? Kommen die Gefahren heute nicht mehr in steilen Ideologien, sondern eher auf leisen Sohlen, in technisch-wissenschaftlicher, in argumentativer Unscheinbarkeit?

Beispiele: Die Gefahr kommt auf einem Foto vom brennenden Wald irgendwo in Indonesien, wo die Ärmsten hilflos und verzweifelt das Feuer mit einigen durchlässigen Plastiktüten zu löschen versuchen; es kommt in scheinbar harmlosen Diskussionen über Hüftgelenke: Über Menschen also, deren Hüftgelenke nicht am Strand von Mallorca, sondern beim Steineschleppen nach 45 in Berlin, Hamburg und Dresden kaputtgegangen sind. Die Gefahren nahem und nähren sich langsam und leise: Wie lange eigentlich noch bis zu öffentlichen Debatten über Sterben mit Rücksicht auf die Solidargemeinschaft? Wieviel Millimeter eigentlich sind einige Nachbarländer noch entfernt, wo die Fälle sich häufen, dass Sterbehilfe mit Rücksicht auf die Urlaubspläne der Verwandten eingeleitet wird? Das sind Beispiele für Zeichen der Zeit; Sie wissen, dass man sie fortsetzen kann.

2. Anpassen und Nischen reichen angesichts der leisen Zeichen der Zeit nicht aus. Die Zukunft läßt sich nicht durch bloßes Abnicken gewinnen, nicht durch vagen Optimismus, nicht durch die schlanke Moral des "Weiter so". Zukunft heißt immer auch Einspruch gegen die Gegenwart. Zukunft heißt Wagnis und also auch Quergestelltsein im Heute.

Haben wir also unseren Kindern mehr anzubieten als steile Karrieren im Nützlichkeitskalkül, haben wir ihnen nicht auch Quergestelltsein zu eröffnen? Woher aber nimmt unsere Gesellschaft denn die Kraft - auch die Kraft zum kritischen Einspruch gegen sich selbst, gegen ihre eigenen Plausibilitäten, ihre wohlfeilen Konsense? Woher die Quellen der Humanität, woher die Ressourcen des Widerstands für die Ehre des Menschen, für seine unantastbare Würde?

Das scheint mir die drängendste kulturelle Herausforderung zu sein. Eine Herausforderung, die sich mit Pluralismus und Individualisierung der Lebensläufe verträgt, aber durch Pluralismus alleine noch nicht eingelöst ist. - Es gilt in der Vielfalt, das verbindend Verbindliche aufzuspüren. Dies wäre jenseits eines dumpfen Provinzialismus für mich der ethische Sinn des Begriffs Leitkultur.

Hier hätten sich leitkulturell Christen neu einzumischen: nicht exklusiv, aber unverzichtbar für die humanen Wurzeln der Gesellschaft. Vielleicht müßten wir Christen dann aber auch neu lernen, unsere Geschichte neu von den Widerständen her zu lesen, in aller kulturellen Annäherung des Glaubens auch unsere Einspruchsfähigkeit nicht zu vergessen.

3. Die Wurzel der Humanität, die Wurzel des Widerstands ist für Christen, für Juden und für Muslime gemeinsam die Anrufung des Namens Gottes. Wo Christen den Namen Gottes anrufen, kämpfen sie um die Humanität des Menschen und verteidigen seine Ehre. Wer vor Gott kniet, kniet vor keinem Führer. Gut, wenn es so gewesen wäre.

Die Frauen, die uns hier erinnert werden, haben vor keinem Führer gekniet. Sie haben widerstanden, um den Menschen, den uns von Gott anvertrauten Menschen, zu beschützen. Diese christliche Wurzel der Humanität ist keine Nebensächlichkeit und sie ist auch keine Privatsache, wie viele es heute meinen wegschieben zu können. Dieser Widerstand war öffentlich und also keine Privatsache, dieser Widerstand nährt noch heute diese Gesellschaft, also keine Privatsache, dieser Widerstand ist das versöhnende Gegenmodell zu jener brutalen Anrufung des Namens Gottes, die wir am 11. September in New York gesehen haben, also keine Privatsache. Dieser Widerstand trägt - als Gegenmodell zu allen Fundamentalismen - die Spuren des ausgelieferten und gekreuzigten Herrn in Golgatha an sich: in Ravensbrück und anderen Konzentrationslagern.

Als Christen bleiben wir diesem Widerstand verpflichtet: Kirche ist nicht für Anpassung und nicht für Nischen da; Kirche soll Segen spenden, sie muß aber auch Segen verweigern: öffentlich! Unsere Gebete müssen auch von der Gnade jener Frauen zehren, die wir heute erinnern. Wir wollen keine billige Gnade der späten Geburt, wir wollen die teure Gnade des Erinnerns, die kostbare Gnade der Verteidigung des Menschen. Vor allem dies: Wir laden gerade die jungen Menschen dieser Stadt ein, in dieser Ausstellung, Frauen des christlichen Widerstands zu ehren. Jede Schulklasse sollte hierher kommen: Es geht um die Ehre des Menschen, um seine unantastbare, unveräußerliche Würde: Ebenbild Gottes zu sein.

Möge diese Ausstellung und das ganze Ausstellungsprogramm für viele Menschen dieser Stadt ein neuer Anstoß sein für Versöhnung durch Erinnerung, aber auch Ermutigung zum Widerstehen im menschenbedrohenden Zeichen der Zeit heute!

Bischof Dr. Josef Homeyer

Grußwort des Bischofs von Hildesheim, Dr. Josef Homeyer, am 17. August 2003 im Rathaus Hildesheim zur Ausstellungseröffnung "Christliche Frauen im Widerstehen gegen den Nationalsozialismus"

Vermehren, Isa
Süßmuth, Rita
Prégardier, Elisabeth
Homeyer, Josef
Herzog, Roman
Jacobeit, Sigrid
 
Ökumenischer Welt-gebetstag der Frauen
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