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Zum 60. Jahrestag des Warschauer Aufstandes Seite drucken

Prof. Dr. Sigrid Jacobeit Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück am 10. Oktober 2004 im Zellenbau zum 60. Jahrestag des Warschauer Aufstandes.

Am 1. August gedachte ich zusammen mit Angehörigen der Botschaft der Republik Polen in Deutschland hier in der Gedenkstätte an den Beginn des Aufstands der polnischen Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besatzungsherrschaft vor 60 Jahren, jene Erhebung, die als Warschauer Aufstand in die Geschichte des 2. Weltkriegs eingegangen ist. Im Verlauf der Gespräche mit den polnischen Botschaftsvertretern wurde ich gefragt, wie es zu erklären sei, dass die Deutschen so wenig über den Warschauer Aufstand wissen. Hinzu käme, dass dieser sehr häufig mit dem Warschauer Getto-Aufstand vom April 1943 verwechselt werde.

In der Tat war die historische Beschäftigung mit dem Warschauer Aufstand in den vergangenen Jahrzehnten vor allem eine innerpolnische Angelegenheit Für die Jahrzehnte der Existenz der DDR, dort, wo ich aufgewachsen bin und studiert habe, beantwortet sich die Frage fast von selbst. Die Rote Armee stand im Juli 1944 vor Warschau; am östlichen Ufer der Weichsel. Sie unterstützte die Aufständischen nicht. Sie sah der Niederschlagung des Aufstands zu. Diese Tatsache war ein Grund des Verschweigens dieser großen Widerstandsaktion von Frauen und Männern in Warschau.

Um so notwendiger ist es, in diesem Jahr 2004 in Deutschland und hier in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück - am Ort des eigens von den Nazis errichteten größten Frauen-Konzentrationslagers im Deutschen Reichsgebiet - an den Warschauer Aufstand vor 60 Jahren und dessen Konsequenzen zu erinnern.

Bevor ich über diese nationale Widerstandsaktion spreche, deren Wurzeln bis zum Hitler - Stalin - Pakt vom August 1939 zurück reichen, ist es geboten, an die Zehntausenden polnischen Frauen, Männer und Kinder zu erinnern, die zwischen dem Überfall Nazideutschlands auf Polen am 1. September 1939 und der Befreiung Deutschlands von der NS-Diktatur durch die Alliierten im April 1945 in das Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt wurden.

Die Polinnen

waren unter den Häftlingen in Ravensbrück, die aus allen von den Deutschen besetzten Ländern Europas kamen, die größte Gruppe. Es waren in diesem Zeitraum 40 000 Frauen und Kinder. Auch im Männerlager von Ravensbrück, für das insgesamt 19 600 Namen nachgewiesen werden können, waren die Männer aus Polen mit 6 200 die größte Gruppe.
Eine der ersten Polinnen, die nach Ravensbrück verschleppt wurde, war Anna Burdówna (3048) aus Lodz. Anna B. blieb dort bis zur Befreiung inhaftiert. Sie war damals ein Schulmädchen. Heute lebt sie als über 90-Jährige in Lodz. Wir haben ihr schönes alt gewordenes Gesicht von dem Dresdener Maler Christoph Wetzel in Öl malen lassen. Sie hat uns ihre Lebens- und Leidensgeschichte erzählt, und wir haben diese als Video aufgezeichnet.
In den letzten Monaten des Jahres 1939 handelte es sich vor allem um Mitglieder und Funktionärinnen von Organisationen, die verhaftet und verschleppt werden. In einer Anweisung der Gestapo heißt es hierzu , dass es sich um "polnische Elemente handelt, die eine Gefahr für die Öffentlichkeit bilden". Weiter heißt es in der Gestapo-Weisung, dass in solchen Fällen „aus sicherheitspolitischen Gründen rücksichtslos einzuschreiten (sei) und (sie) in Schutzhaft zu nehmen (seien)."

In Folge dessen nahmen bereits 1940 die Deportationen nach Ravensbrück systematische Formen an. 1940 war jede dritte neu eingelieferte Gefangene im KZ Ravensbrück eine Polin. Die Frauen waren Mitglieder des Polski Zwiazek Zachodni, Angehörige der paramiltärischen Jugendorganisation Przysposobienie Wojskowe und Frauen aus Bydgoszcz, Torun, Poznan Katowice, Kraków, Tarnow u.a. Städten, die im Rahmen des äußerst brutalen Vorgehens gegen die polnische Intelligenz verhaftet worden waren. Hitler hatte sich bekanntlich vorgenommen, das gesamte polnische Volk auszurotten und zuallererst die polnische Intelligenz.

Höhepunkt der Deportationen war das Jahr 1944. Dabei wurden in den ersten sechs Monaten 4.600 Polinnen eingeliefert, darunter 1.800 Zwangsarbeiterinnen, 2.000 durch „Sondertransporte" aus polnischen Gefängnissen und 730 aus anderen Konzentrationslagern, vor allem aus Majdanek und Auschwitz.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1944 wurden 20.000 polnische Frauen und Kinder nach Ravensbrück deportiert, unter ihnen 5.000 im Zusammenhang mit der Räumung von Auschwitz sowie 12.000 im Zusammenhang mit dem Warschauer Aufstand. Die in Ravensbrück angekommenen Frauen wurden zum Teil in einem Zelt untergebracht, das die SS zwischen den Blöcken 24 und 26 aufstellen ließ. Das Zelt wurde auf Grund seiner katastrophalen unmenschlichen Bedingungen zum Todesort für zahlreiche Häftlinge.

Im Zeitraum zwischen September 1939 und Juli 1944 kam es zu 41 Spezial- und Sondertransporten aus Polen. Hier ragen hinsichtlich ihres Umfangs und des weiteren Schicksals der Häftlinge zwei Transporte heraus.

Der erste Transport
mit ausschließlich Politischen, die für Aktivitäten im Widerstand verhaftet worden waren, erreichte Ravensbrück am 23. September 1941 mit 415 Polinnen aus Lublin und Warschau. Aus diesem Transport wurden nach polnischen Angaben 116 Frauen in der Folgezeit hingerichtet und 66 Frauen ab Ende Juli 1942 von SS-Ärzten im Konzentrationslager als „Versuchskaninchen" für Menschenversuche mißbraucht. Zu den zuallererst Operierten gehörte Wanda Rosiewicz. Sie ist heute unter uns!!!

Ein zweiter Spezialtransport
kam am 31. Mai 1942 mit 309 Frauen aus Warschau, die sich gleichfalls aktiv am Widerstand gegen die deutschen Besatzer beteiligt hatten. Acht der Frauen wurden wiederum „Versuchskaninchen" und 17 von ihnen hingerichtet.

Für 12.000 Frauen und Kinder sowie darunter 23 männliche Jugendliche wurde der Warschauer Aufstand zu einer Geschichte der Deportation in das Konzentrationslager Ravensbrück.

Zur Geschichte des Warschauer Aufstandes

Gestatten Sie bitte deshalb einige Informationen zum Warschauer Aufstand, dessen eigentliche Geschichte bis zum Hitler-Stalin¬Pakt vom August 1939 zurück reicht. Stalin hatte sich bei der Teilung Polens über die Hälfte des Territoriums gesichert. Auf diesem annektierten polnischen Land beharrte Stalin auch nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Der polnische Widerstand galt deshalb gleichsam zwei übermächtigen Gegnern: den deutschen Besatzern zum einen und dem Machtanspruch der sowjetischen Regierung, unterstützt durch die zurückschlagende Rote Armee, zum anderen. Angesichts dieser Situation war es Ziel der Widerstandsbewegung, Warschau, die Hauptstadt Polens, vor dem Heranrücken der Roten Armee von den deutschen Besatzertruppen zu befreien, um so den nationalen Anspruch auf die Gestaltung der Nachkriegsordnung zu manifestieren, den Stellenwert der „polnischen Frage" in der internationalen Politik fortan entscheidend zu verändern. Für dieses nahezu aussichtslose Kalkül zahlte Warschau und seine Zivilbevölkerung einen hohen Preis.

"In der nicht gerade ruhigen Geschichte Polens der letzten Jahrhunderte", schreibt der polnische Historiker Prof. Dr. Wlodzimierz Borodziej, "gibt es kaum ein Ereignis, das mit dem Trauma des Warschauer Aufstands vergleichbar wäre..." Es gelang nicht, so das Konzept, daß innerhalb von 48 Stunden eine relativ kleine Truppe von 30.000 bis 40.000 meist unbewaffnete Soldaten des Widerstands, das Ende der nationalsozialistischen Besatzung erkämpften.

Der am 1. August 1944 begonnene Warschauer Aufstand war lange vorbereitet; seit 1940 wurden Pläne für eine große nationale Erhebung ausgearbeitet. Die Londoner Exilregierung gründete 1942 die Armia Krajowa (AK, die Heimatarmee) - die Armee des Widerstands. Oberbefehlshaber der Armia Krajowa wurde General Tadeusz Komorowski, mit Deckname Bor. Unterstützt wurde die Heimatarmee von anderen Untergrundgruppen, so der kommunistischen Volksarmee, Armia Ludowa. Die Royal Air Force unterstützte die Aktionen durch Abwurf von Waffen und Versorgungsgütern über Warschau.

Zum 1. August gab die Führung der AK den Befehl zum Aufstand für 17 Uhr. Dabei kam es neben einer Verdichtung politischer und militärischer Faktoren auch zu einer Verdichtung geographischer Faktoren. "Das Unternehmen Warschauer Aufstand konzentrierte sich auf einen kleinen, dicht bis sehr dicht besiedelten Raum", schreibt Prof. Borodziej. (S.14) Es konzentrierte sich auf Bereiche um die Altstadt, östlich und westlich der Weichsel, zwischen Praga und Wola.

Widerstand bzw. der individuelle Anschluß an den Untergrund hatten Tradition in der polnischen Geschichte. Formen ziviler Verweigerung, konspirative Organisationen militärischer und politischer Art, bewaffneter Kampf u.a.m. zählten zu tradierten Verhaltensmuster, erbrachten psychischen Halt und Geborgenheit, potentielle Unterstützung durch das persönliche Umfeld und beförderten auch Jahrzehnte danach ein Zusammengehörigkeitsgefühl besonderer Art.

Die Konzeption des Warschauer Aufstands zielte darauf, daß die Hauptkämpfe nur zwei bis drei Tage andauern sollten; der Aufstand sollte nach höchstens einer Woche durch das Eingreifen der Roten Armee beendet sein.

Die Ausgangslage bestimmten schlecht ausgerüstete Aufständische, davon etwa 20.000 Soldaten von insgesamt 30.000 bis 40.000, hiervon 10 Prozent Frauen, gegenüber gut ausgerüsteten und gut ausgebildeten deutschen Soldaten und Polizisten. Erfolge verzeichneten die Aufständischen nur in wenigen Teilen des Stadtkerns.

Ab dem 4. August waren jedoch die Gegenaktionen der deutschen Besatzer koordiniert, waren zusätzliche Truppen vor Warschau zum Einsatz befohlen, darunter das berüchtigte Regiment Dirlewanger, das aus verurteilten SS-Angehörigen, Kriminellen und anderen Verbrechern bestand und bereits im Rücken der Ostfront bestialisch gewütet hatte.

Fortan wurde Straße für Straße umkämpft, gebrandschatzt, gemordet, zerstört. Sinnbild für den Terror der deutschen Besatzer wurden die Stadtteile Wola und Ochota - allein in Ochota wurden an eigens errichteten Massenexekutionsstätten 35.000 Zivilisten ermordet, Tausende in Konzentrationslager deportiert, zuvor im Sammellager Pruszkow stationiert, darunter eine Vielzahl von schwangeren Frauen und Kindern.

In der Mitte des Monats August war die militärische Überlegenheit der deutschen Truppen unübersehbar. Am 2. September wurde die Kapitulation der Altstadt unterzeichnet, andere Viertel folgten. Am 2. Oktober 1944 kapitulierte der Oberbefehlshaber der Heimatarmee vor dem SS-General Erich von dem Bach - Zelewski.

Der Warschauer Aufstand stellt die größte der bewaffneten Widerstandsaktionen in dem von den Nazis besetzten Europa während des 2. Weltkriegs dar. Er ist zugleich eines der schwärzesten Kapitel der Geschichte während des 2. Weltkriegs. Innerhalb von 63 Tagen wurden ca. 200.000 Menschen, überwiegend Zivilisten, getötet. 150.000 Frauen, Männer und Kinder wurden in Konzentrationslager oder zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. 18.000 Angehörige der Heimatarmee gerieten in Kriegsgefangenenschaft 50 Prozent der Stadt waren zerstört, darunter ein Großteil des Warschauer Königsschlosses sinnlos von den Besatzern gesprengt.

Eine Woche nach der Kapitulation erteilte Himmler den Befehl, die totale Zerstörung Warschaus durchzuführen. Jetzt wurden weitere 35 Prozent vernichtet. Von 987 Baudenkmälern blieben nur 64 unversehrt, Archive und Bibliotheken verbrannten. Wertgegenstände sollten dem Reichsführer der SS zur persönlichen Verfügung übersandt werden (Beutegut) !!!
Als polnische und russische Verbände im Januar 1945 in Warschau einmarschierten, fanden sie eine Trümmerwüste als menschenleere Geisterstadt vor. „Polen", schreibt Wodzimierz Borodziej, „hatte eine ganze Generation verloren, und die Hauptstadt dazu."

Prof. Dr. Sigrid Jacobeit


Literaturhinweis:
Wlodzimierz Borodziej "Der Warschauer Aufstand 1944" Frankfurt 2001

Vermehren, Isa
Süßmuth, Rita
Prégardier, Elisabeth
Homeyer, Josef
Herzog, Roman
Jacobeit, Sigrid
 
Ökumenischer Welt-gebetstag der Frauen
Schlüssel für ein
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