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Ravensbrück - eine bleibende Aufgabe Seite drucken

Nach unserer ersten Begegnung mit den polnischen Frauen 1991 in Ravensbrück hatte ich geschrieben. "Wer sich auf Ravensbrück einläßt, den läßt Ravensbrück nicht mehr los!" Jetzt, nach einem Jahrzehnt kann ich feststellen, daß sich diese Ahnung mehr als erfüllt hat. Viele Freundschaften sind gewachsen, "neue" Ravensbrückerinnen wurden entdeckt, vergessene Berichte ans Tageslicht gehoben, einige davon publiziert, weiteren Spuren nachgegangen mit Telefongesprächen, Korrespondenz und Reisen. Die Materialsammlung wuchs ständig an und wir spezialisierten uns auf einen bestimmten Kreis von Ravensbrückerinnen, deren Schicksal bisher noch wenig bekannt war.

Mehrere Studienfahrten zur Gedenkstätte konnte ich vom Rheinland aus vorbereiten und begleiten. Stets führte unser erster Gang zum Schwedtsee und mit Blumen gedachten wir der auf dem Grund ruhenden Toten. Aus der Wallfahrt von 1991 entstand auf Seiten der wenigen deutschen Frauen, die damals anwesend waren, der Wunsch nach einer gemeinsamen Initiative mit deutschen und polnischen Frauen. Den konkreten Kreuzweg, den alle Frauen in Ravensbrück durchleiden mußten, konnten wir mit Bezug auf den Kreuzweg Jesu an vierzehn Stationen im Gelände der Gedenkstätte ausmachen und mit Texten aus den Berichten der Überlebenden belegen. Als Beispiel: Der Erschießungsgang entsprach der Kreuzwegstation "Jesus stirbt am Kreuze". Am 3. April 1993 beteten zwanzig deutsche Frauen und neun polnische Ravensbrückerinnen den von uns zusammengestellten Kreuzweg, der später als Broschüre für das Beten dieses Kreuzweges an vielen Orten Jahr für Jahr die Vorlage bildete. Erwähnt werden sollte aber noch, daß die polnischen Frauen zuvor in Oberhausen und Köln unsere Gäste waren, wodurch freundschaftliche Kontakte geknüpft und vertieft wurden.

Als natürliche Konsequenz ergab sich, daß Anne Mohr, Elisabeth Prégardier (Oberhausen) und Gisela Multhaupt (Köln) im Sommer 1993 eine erste Reise nach Polen unterrnahmen, in Sopot lernten sie Frau Urszula Winska kennen, in Bydgoszcz Marta Baranowska und trafen in Warschau Olga Dickman wieder, die 1991 bei der ersten Begegnung gesagt hatte: "Wir sind ohne Haß aus dem Lager gegangen!" Diese Feststellung hatte uns nahezu umgeworfen. Wir waren nun begierig, von diesen Menschen mehr zu erfahren.

Gisela Multhaupt begann zu jener Zeit in Zusammenarbeit mit dem Maximilian-Kolbe-Werk die Besuche kranker ehemaliger Häftlinge in Polen und die Begleitung von Hilfsgütertransporten nach Weißrußland. In Köln, im Bildungshaus der Franziskanerinnen am Pantaleonsberg, organisierte sie zusammen mit vielen Helferinnen und Helfern mehrwöchige Erholungsaufenthalte für ehemalige Häftlinge aus Polen und Weißrußland in der Trägerschaft des Maximilian-Kolbe-Werkes. Bis zum Sommer 2002 waren es 12 Maßnahmen.

Einen wirklichen Höhepunkt in Ravensbrück bedeutete die Feier vom 22.-24. April 1995 zum 50. Jahrestag der Befreiung des Lagers. Nicht nur die Sonne strahlte sommerlich warm, sondern die Freude des Wiedersehens von Frauen aus vielen Nationen, die sich jetzt alle freie Menschen umarmten, gab diesen Tagen besonderen Glanz. Die Ansprache von Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth beim Festakt auf dem Appellplatz ist bis heute ein wertvoller programmatischer Leitfaden für den Besuch der Gedenkstätte.

Als im Juni 1996 Papst Johannes Paul II. Berlin besuchte, segnete er bei dieser Gelegenheit auf den Stufen zur Hedwigskathedrale eine große bronzene Gedenktafel, die ein Jahr später in der Gedenkstätte, gegenüber dem Eingang zum Zellenbau, ihren endgültigen Platz fand. Gestiftet war das Kunstwerk mit polnischer und deutscher Inschrift: von allen polnischen Ravensbrückerinnen:

IM GEDENKEN AN DIE POLINNEN.
HIER WAREN 40000 POLNISCHE FRAUEN,
MÄDCHEN UND KINDER INHAFTIERT.
200 WURDEN ERSCHOSSEN.
AN 74 WURDEN MEDIZINISCHE EXPERIMENTE
DURCHGEFÜHRT.
VIELE TAUSENDE WURDEN VERGAST
ODER STARBEN AN ERSCHÖPFUNG.
8000 ERLEBTEN DIE BEFREIUNG

Im Dezember 1991 begegneten sich erstmals in Frankfurt zum Austausch über ihre Nachforschungen zu Ravensbrücker Frauenschicksalen Pfarrerin Gerlind Schwöbel und Elisabeth Prégardier. Daraus entstand eine enge Kooperation, die schließlich zum Konzept der Wanderausstellung "Christliche Frauen im Widerstehen. Häftlinge in Ravensbrück von 1939 bis 1945" führte. An den bisher 22 Ausstellungsorten hat jeweils eine von beiden die Einführung zur Eröffnung gegeben, während der Ausstellungszeit kamen noch Referate hinzu.
Zahlreiche, im zurückliegenden Jahrzehnt von beiden Autorinnen herausgebrachte Bücher haben zum Ziel, das Lebenszeugnis von Frauen zu dokumentieren, die aus dem christlichen Glauben Kraft zum Durchhalten und Erleiden geschöpft haben. Viele Namen waren der Öffentlichkeit bisher nicht bekannt, auch in den Kirchen fehlte weithin die Kenntnis vom Mut und der Treue dieser Frauen. Rückblickend muß festgestellt werden, daß im Grunde mit der Aufarbeitung viel zu spät begonnen worden ist, die "Letzten, die wir noch fragen können", sind schon sehr alt und jede neue Spur, die entdeckt wird, treibt zur Eile an, bevor sich Augen und Mund schließen.

Nicht nur die entdeckte Schicksalsgeschichte fordert raschen Einsatz zum Festhalten mit dem Mikrofon, mit dem Fotoapparat, mit dem Computer. Auch die Spurensuche selbst ist häufig voller Spannung und Überraschung; wenn die Zeit nicht so knapp wäre, müßte auch sie aufgeschrieben werden.

Hingewiesen werden sollte auch auf die Partnerschaft des Bistums Essen mit dem Erzbistum Kattowitz. Hierbei war uns ein besonderes Anliegen die Beziehung zum "Ravensbrücker Klub". Im September 1994 kamen elf Frauen aus Kattowitz nach Essen. Eindrucksvoll war eine Veranstaltung mit der Lesung der Gedichte von Maria Kurcyus aus der Ravenbrücker Zeit und der gleichzeitigen Präsentation ihres Gedichtbandes "De profundis clamavi" in deutscher und in polnischer Sprache.

Das zurückliegende Jahrzehnt hat uns ziemlich eingefordert an persönlichem Einsatz für die verschiedenen Aufgaben, an Bereitschaft, sich neuen Fragen zu stellen. Wir sind in dieser Zeit aber auch reich beschenkt worden, vor allem in der Begegnung mit Frauen, die an den Grenzen ihrer Existenz Erfahrungen machten, die sie uns heute als Glaubenskraft weitergeben. Immer häufiger wurde uns deutlich, daß der Schrei von Menschen in der Not "Gott, warum hast mich verlassen?" und die Suche nach der Anwesenheit Gottes "Wo bist du Gott?" nicht nur in den Psalmen der Beter vor mehr als dreitausend Jahren ihren Ausdruck gefunden haben, sondern auch in unserer Zeit. So fragte ich eines Tages die Ravensbrückerin Charlotte van Berckel: "Was hat Ihnen die Kraft zum Durchhalten gegeben?" Sie antwortete mir: "Ich habe immerfort aus der Matthäuspassion gesungen: Gott, mein Gott, warum hast mich verlassen?" Das ist der Anfang von Psalm 22, den auch Christus am Kreuz gebetet hat.

Der Rückblick der Ravensbrückerinnen auf ihre Leidenszeit - so wie sie in der Publikation "Gesang aus dem Feuerofen" dargestellt wird, schließt in der Regel mit einem Dank an Gott für diese Leidenszeit. Oberflächlich betrachtet ist das unbegreiflich, denn für Leid kann man nicht dankbar sein. Leid ist auch kein Ziel des Lebens, Leid muß geheilt, Leid sollte vermieden werden.
Wir alle wissen, daß die Lebenswirklichkeit anders aussieht, daß das Geheimnis des Bösen immer gegenwärtig ist. Nur aus einer religiösen Dimension heraus läßt sich eine solche Passion deuten. Und hier sollten wir hinhören, was uns gläubige Menschen zu sagen haben, die "durch das Feuer der Hölle und des Himmels gegangen sind".

Ein achtungsvolles Gedenken gilt auch den Bibelforscherinnen, die in Treue zu ihrer Glaubensüberzeugung fürchterliche Torturen über sich ergehen ließen.

Die Stimmen von drei Ravensbrückerinnen haben in diesem Zusammenhang ihr je eigenes Gewicht.

Vera Hozákowá
Der christliche Gott - allwissend, allmächtig, am gerechtesten - unendliche Liebe und Barmherzigkeit... In meinem Herzen ist dieser Gott in meiner Kindheit gestorben - die Schule und die aufgezwungene Kirche töteten ihn durch ihre Unaufrichtigkeit, leere Äußerlichkeit, Unterdrückung von Gedanken - Widersprüchlichkeit mit dem Leben um uns herum. In meinem Herzen blieben nur einige schöne biblische Begebenheiten, Einsichten und die Bewunderung für die Kunst, die aus diesen Wurzeln hervorgegangen ist.
Die polnischen Frauen hatten fast alle diesen Schatz des Glaubens, obwohl sie viel mehr als wir durchgemacht hatten - den Krieg, der ihre Heimat von zwei Seiten umklammerte. Sonntags knieten sie im Schlafsaal zwischen den Betten; stundenlang sprachen sie still zu ihrem Gott, und danach standen sie mit ruhigen klaren Gesichtern und mit einem Herzen, das für das Leben der nächsten Tage gestärkt war. Ihr Glauben war ihre große Stärke.
Aber ich kann nicht - was einmal im Herzen gestorben ist, kann nicht erneut aufkeimen, auch nicht aus Angst, auch nicht im gegenwärtigen Schrecken. (S. 45/46)
Vera Hozákowá: Und es war doch ...
Hrg. Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück 1995

Margarete Buber-Neumann
Die religiös Gläubigen haben es leichter im Lager als die anderen. Aber die Gläubigkeit schützt keineswegs vor Versagen. - Es gibt ein Sprichwort, daß Leid adele. Ich mußte mich im Lager von der Unrichtigkeit dieses Sprichwortes überzeugen. Nichts ist gefährlicher als ein Übermaß an Leid. Die schlechtesten Instinkte erwachten und man erlebte, wie normale Durchschnittsmenschen zu Bestien herabsanken. (S. 125)
Noch eine Bemerkung zum Problem, woher die Kraft zum Überleben kommt, weshalb die einen sie haben und die anderen sie nicht besitzen. Ich glaube, diese Kraft entwickelt sich überhaupt erst in der extremen Situation. Erst dann wird der Charakter auf die Probe gestellt. Eben deshalb kann kein Mensch voraussagen, wie er selbst und wie dieser oder jener Mensch sich, wenn es darauf ankommt, verhalten würde. (S.123)
Margarete Buber-Neumann: Plädoyer für Freiheit und Menschlichkeit
Vorträge aus 35 Jahren, Berlin 199?

Nanda Herbermann
Hier trugen ja alle ihr schweres Kreuz; der große Unterschied zwischen den Grundauffassungen war nur der, daß die einen das Kreuz mit Christus trugen, die andern aber ohne ihn. Und die das Kreuz mit Christus trugen, hatten es leichter; denn es half uns Gott selber dabei. Jene aber, die es ohne ihn trugen, und das war die Mehrzahl der Häftlinge, hatten es schwerer, als es für den Menschen erträglich ist. Sie versanken in Bitterkeit und völlige Verzweiflung. Ja, diese Ärmsten erlitten in den Tiefen ihrer Seelen etwas, das viel schlimmer noch ist, als alle wirtschaftliche und materielle Not, schlimmer noch als alle grauenhafte, körperliche Mißhandlung. Schließlich läßt sich alles ertragen, - das habe ich tief erfahren - wenn man es einer großen Liebe wegen tut; aber es ist das Leben, vor allem ein Leben im Konzentrationslager, nicht zu meistern, wenn man nicht um den Sinn solchen grausigen Leidens weiß und wenn kein starker Glauben und keine Liebe mehr im Herzen brennt. (S.136)
Nanda Herbermann: Der gesegnete Abgrund.
Neuausgabe, Annweiler 2002

Elisabeth Prégardier

Erstveröffentlichung in:
Gesang aus dem Feuerofen. Frauen-KZ Ravensbrück
S. 161-166, Annweiler 2002

Vermehren, Isa
Süßmuth, Rita
Prégardier, Elisabeth
Homeyer, Josef
Herzog, Roman
Jacobeit, Sigrid
 
Ökumenischer Welt-gebetstag der Frauen
Schlüssel für ein
neues Europa
 
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