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50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Ravensbrück Seite drucken

" Ich weiß, daß wenigstens Du mich nicht vergessen wirst. Mit Dir darf ich weiterleben. Du sagst den Menschen, wer ich war .. "

Diese Worte schrieb die Tschechin Milena Jesenska die Ravensbrück nicht überlebte, an ihre Vertraute Margarethe Buber-Neumann im Lager, um uns zu sagen: ,,Vergeßt mich nicht".

Nicht vergessen werden zu wollen, das heißt, nicht umsonst gelebt zu haben, als unverwechselbare Person, als unverwechselbares Ich zu bestehen, trotz der Erfahrung der totalen Ausschaltung und Vernichtung von Lebensrecht und Menschenwürde. Weiterleben, das heißt aber auch, das weiterzugeben, wofür Menschen gelitten und was sie durchlitten haben.

Reden an einer Stätte, an der wir 50 Jahre nach der Befreiung heute mit vielen überlebenden Häftlingen von Ravensbrück der Opfer gedenken, die in den Jahren 1938 bis 1945 hier auf schreckliche Weise gequält gefoltert, ermordet wurden, verpflichtet, das zur Sprache zu bringen, was weder dem Schweigen noch dem Vergessen anheimfallen darf.

Ravensbrück war ein "Frauenkonzentrationslager"' von den Frauen selbst als ein "Ort des Grauens", als "die Hölle auf Erden" beschrieben. Ravensbrück, so schreiben und berichten überlebende Opfer, war ein Ort, an dem in Erfahrung zu bringen war, wie alle ursprünglichen und anerzogenen menschlichen Gefühle und Verhaltensweisen ausgeschaltet, vernichtet und umfunktioniert werden können. Was erlebten die Häftlinge an den Aufseherinnen?
Aus der Erinnerung einer Überlebenden wurde folgende Erfahrung beherrschend:

" Ich lebte in einer Welt des Hasses, der Unterdrückung und Erniedrigung. Um uns herum waren Aufseherinnen mit Hunden und Peitschen." Von einer "Schande unseres Geschlechts" spricht eine andere Überlebende. Aber diese Erfahrungen lassen aus meiner Sicht nicht den vereinfachenden und fatalen Schluß zu: Ob männlich oder weiblich, das Böse, die aggressive, zerstörerische Triebkraft ist in uns, ist unser angeborenes Schicksal.

Isa Vermehren, die sich gerade angesichts ihrer Beobachtungen und Erfahrungen in Ravensbrück mit diesem Phänomen intensiv auseinandergesetzt hat, kommt zu dem Ergebnis, daß natürliche Gefühlsgebundenheit daß alles, was wir dem Menschlichen in seinen ursprünglichen und anerzogenen Formen zurechnen zusammenbricht, wenn es systematisch im Menschen zerstört und ausgeschaltet wird.

Daraus folgt: Es kommt entscheidend darauf an, Widerstand gegen Unrecht und Willkür zur Verhinderung von totalitärer Willkür und Unrechtsherrschaft zu leisten. Wenn sich die Diktatur durchgesetzt hat, wenn die Unterdrückungsmaschinerie in Gang, die Kontrollen außer Kraft gesetzt sind, ist Widerstand einzelner nahezu aussichtslos. Umso übermenschlicher waren jene Widerstandskämpfe, die von vielen Frauen in aussichtsloser Situation durchgehalten wurden. Sie bezahlten mit ihrem Leben, uns mahnend, rechtzeitig Zivilcourage zu zeigen und Widerstand zu leisten, Intoleranz, Diskriminierungen, Ausgrenzungen nicht zuzulassen, uns nicht schleichend zu gewöhnen an unheilvolle Tendenzen, an Verletzung von Menschenrechten, an platte, aber äußerst gefährliche Forderungen von einzelnen Gruppen nach mehr Autorität, weniger Demokratie und weniger Machtkontrolle.

Deswegen ist es wichtig, daran zu erinnern, daß Ravensbrück auch ein Ort des menschlichen und politischen Widerstandes von Frauen, von deutschen und nicht-deutschen Frauen war, deren Leistungen ebenso wie die der Frauen des 20. Juli lange unbeachtet blieben und deren Spuren sich zum Teil bis heute noch im Dunkel der Geschichte verlieren. Und gerade in Ravensbrück gab es jene Frauen, die mit ungeheurer Menschlichkeit und Solidarität Tag für Tag versucht haben, entgegen aller Widerstände Menschenwürde aufrecht zu erhalten, anderen zu helfen, Lagerleben mit dem Anzeichen von Menschenwürde zu versehen.

So gab es trotz aller Vernichtung von menschenwürdigem Leben den fast aussichtslosen Kampf um Würde in der Würdelosigkeit, um Zeichen kleinster Hoffnung inmitten von Hoffnungslosigkeit. Der stärkste Antrieb, durchzuhalten, war die Hoffnung auf Freiheit. Das Ende von Gewalt und Unfreiheit war das stärkste Lebensmotiv, durchzuhalten bis zum Tag der Befreiung. Beispielhaft drückt sich dies wiederum in den überlieferten Worten einer Sterbenden aus, die da sagt: ,,Ich geb' Dir meinen Mantel, daß Du ihn noch in der Freiheit tragen kannst."

Vergessen wir diese tapferen Frauen nicht, denn das ist das Erbe, das wirkliche Credo von Ravensbrück: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auch in den Stunden tiefster Verzweiflung und Pein, angesichts von Folter, Unterdrückung und Terror haben Menschen um der Würde willen Widerstand geleistet.

Wir haben heute, am 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Ravensbrück, eine vor Jahren ungeahnte Chance, mit allen hier Teilnehmenden, mit den Opfern, ein Zeichen zu setzen für Wahrheit und Versöhnung, für ein zukunftsbezogenes Erinnern und Handeln, das der Freiheit und Demokratie, dem Frieden und der europäischen und globalen Zusammengehörigkeit gilt.

Der Befreiung des Konzentrationslagers Ravensbrück gedenken, das heißt an brutalste Verbrechen, Folter und Mord von Frauen aller Altersgruppen, an Kinder, aller sozialen Schichten, vieler Nationen zu erinnern. Sie wurden interniert, weil sie politisch Widerstand leisteten oder weil sie als Zwangsarbeiterinnen in und außerhalb der Waffenindustrie gebraucht wurden, weil sie als rassisch-biologisch minderwertig und gefährlich eingestuft wurden, als völkisch schädlich und unbrauchbar ausgebeutet oder umgebracht werden sollten, unendlich gequält durch medizinische Experimente.

Vergessen wir nicht den verächtlichen Umgang der Nationalsozialisten mit den Frauen. Auch Frauen, gerade Frauen waren Opfer, aber auch Täter. Auch sie wurden in diesem männlich autoritären Herrschaftssystem als nichts anderes eingestuft denn als Instrumente nationalsozialistischer Ideologie, der Macht und des Terrors, beherrscht, gedemütigt, sexuell mißbraucht und vergewaltigt, geschwängert die einen, die anderen als biologisch und rassisch "Unwertige" zur Abtreibung gezwungen, mit Berufsverbot belegt und zugleich für schwerste Arbeiten eingesetzt.

Die andere Seite ist die der Täter. Vergessen wir nicht, es waren viele, die das Naziregime aus Überzeugung, Verblendung und Verführung direkt oder indirekt unterstützten, auch Frauen. Sie haben die Verbrechen nicht ausgedacht, waren aber - wenn auch zu einem zahlenmäßig kleineren Anteil - direkt oder indirekt als Täterinnen beteiligt. Aus diesem Wissen erwächst gerade uns Frauen eine besondere menschliche und politische Verpflichtung: Aufgrund unserer spezifischen historischen Erfahrung mit Ungleichheit, Unterdrückung und Ausgrenzung haben wir die unantastbare Würde der Person, die grundlegenden Menschenrechte unseres Grundgesetzes in besonderer Weise zu schützen und zu verteidigen. Unsere Aufgabe ist eine eminent politische, im privaten wie im öffentlichen Bereich: den Anfängen zu wehren, wachsam zu sein, zu ermutigen zu Zivilcourage und Widerstand gegen jede Form von Unrecht und Gewalt.

Dieses Gedenken in Ravensbrück verdanken wir jenen Häftlingen, die sich schon in den ersten Nachkriegsjahren lange vor dem in der DDR 1953 ergangenen Verbot der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes dafür eingesetzt haben, daß Ravensbrück als Gedenkstätte erhalten und zugänglich gemacht wurde.

Unser Gedenken gilt allen, die hier und in anderen Konzentrationslagern Opfer der Nationalsozialisten wurden, der rassisch, politisch, religiös Verfolgten, aber ebenso der Sinti und Roma der Lesben, der Homosexuellen, der Kranken und Behinderten, der Desertierten. Grenzen wir niemanden aus! Suchen wir nicht länger nach Abgrenzungen, die nichts anders sind als neue Ausgrenzungen.

Es erfüllt mich mit Scham und zugleich mit großer Hoffnung, daß überlebende Opfer von überall aus Europa und anderen Kontinenten zum Teil erstmals hierher zurückgekommen sind, um öffentlich zu bekunden, was sie erlitten haben und welche Leiden und Verbrechen sie für immer verhindern wollen, daß sie sich hier gegen das Vergessen stellen und zur Versöhnung bereit sind, wo angesichts der grauenvollen Erfahrungen Versöhnung vielleicht erhofft, aber keinesfalls erwartet werden konnte.

Wenn ich mir bewußt mache, was den Polen und danach den anderen Völkern nach dem militärischen Überfall widerfahren ist, Vertreibung, massenhafte Erschießungen, Deportation wie auch Vernichtung der politischen Intelligenz, und was dann im weiteren totalen Krieg und der Vernichtung der Juden erfolgte, so kann ich kaum ausdrücken, welche Kraft daraus wachsen kann, was gemeinsames Gedenken heute bedeutet und welche Verpflichtung uns darüber verbindet.

Als der Krieg zu Ende ging, war ich ein Kind, acht Jahre alt. Damals wußte ich noch nichts von diesem grauenvollen Verbrechen. Und als der Krieg zu Ende ging, war es für mich das Ende der Bombennächte, aber auch Konfrontation mit heute noch nachwirkenden Ängsten. Wo war der Vater, lebte er noch? Es gab die nächtlichen Flucht- und Versteckungsaktionen, Hunger herrschte, alles lag in Trümmern, Hunderte von Flüchtlingen kamen in unseren Ort, ausgezehrt und verzweifelt ebenso wie die mir in Erinnerung gebliebenen später folgenden Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft.

Was wirklich geschehen war, welche Verbrechen vom Naziregime, von Deutschen und in deutschen Namen begangen wurden, das erfuhr ich erst Jahre später. Umso beschämender und bedrückender und unverständlicher empfinde ich den jüngsten Streit in unserem Land um Befreiung oder Nichtbefreiung, um Leid und Unrecht der einen und der anderen. Es muß Schluß sein damit, das Leid und Unrecht der einen gegen das der anderen aufrechnen zu wollen. Niemand verkennt oder bestreitet das Leid, das durch Krieg und Nachkriegszeit auch den Deutschen widerfahren ist, aber wir sollten Ursachen und Folgen nicht miteinander verwechseln.

Angesichts der Entwicklung, die hinter uns liegt, der großen Aufgaben, aber auch Chancen, die vor uns liegen, ist es unverantwortlich, darüber zu streiten, ob wir befreit oder nicht befreit wurden. Arbeiten wir an der Versöhnung, beenden wir den Streit. Objektiv sind wir von dem verbrecherischen Naziregime befreit worden, subjektiv ist das von vielen am Kriegsende und angesichts der Kriegsfolgen anders erlebt worden. Sagen wir Nein zu einem spaltenden Vergessen, setzen wir auf die Kraft der Wahrheit und der Versöhnung und arbeiten wir an einer Zukunft ohne Diktatur und Krieg.
" Das Erbe von Ravensbrück muß weitergetragen werden", waren die warnenden und mahnenden Worte von Erna Lugebiel, einer der im Lager inhaftierten Frauen, der wir ein persönliches Zeugnis aus dieser Zeit verdanken. Aber das Wichtigste ist, daß wir neben klarer Stellungnahme zu den aufkommenden Tendenzen, zu neuem Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus Lind Fremdenfeindlichkeit, sich ausbreitendem Egoismus mit offenen Regelverstößen gegen die Gemeinschaft und ihre Verpflichtungen untereinander, in Erinnerung und Gedenken eine auffordernde Frage nicht außen vor lassen: Was tust Du heute, morgen, übermorgen, damit Vergleichbares, damit neues Unrecht, damit Ravensbrück sich nicht wiederholt?

Ich schließe mit der Botschaft der Überlebenden:
Nie wieder! Schweigt nicht! Prangert die Lager in aller Welt an! Seht nicht weg, wo Menschen gequält und vernichtet werden! Zieht euch nicht in die Nischen der unauffälligen Anpassung zurück!

Ich danke allen, die gekommen sind zu erinnern. Arbeiten wir am Werk der Versöhnung und des Friedens.

Bundestagspräsidentin a.D. Rita Süßmuth

Ansprache in der Feierstunde am 23. April 1995
in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
zum 50. Jahrestag der Befreiung des Lagers

Vermehren, Isa
Süßmuth, Rita
Prégardier, Elisabeth
Homeyer, Josef
Herzog, Roman
Jacobeit, Sigrid
 
Ökumenischer Welt-gebetstag der Frauen
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