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Der anonyme Märtyrer und die Wahrheit des Personalen
Zeugnis aus dunkler Vergangenheit

Wir wissen: Märtyrer ist einer, der sein Leben hingibt zum Zeugnis für die Wahrheit seines Glaubens an Jesus Christus. Der "getreue Zeuge" für die Wahrheit schlechthin ist Jesus selber; seine Apostel und Jünger werden es in seiner Nachfolge, weil der Jünger nicht über dem Meister steht. Seit dem 2. Jh. bis heute werden die Namen der Blutzeugen von unserer Kirche mit liebevoller Sorgfalt gesammelt; sie sind in das Gedächtnis der Gläubigen eingeprägt. Im Sterben dieser Männer und Frauen leuchtet die Macht der Gnade Gottes so hell auf, daß Tod und Leben dadurch aus ihrer Zwielichtigkeit herausgerissen werden; in diesem Sterben strahlt Gott selbst als das einzige und letzte Worum-willen aller Existenz auf.

Die Kirche war und ist bis heute zu keinem Zeitpunkt ihrer wechselvollen Geschichte ohne Widerspruch geblieben, der zum Martyrium führt. Das heißt nicht, daß alle, deren Leben zeugnishaft zu Ende ging, uch einen Platz auf den Altären oder im liturgischen Kalender gefunden hätten, so daß ihre Namen weltweit bekannt werden konnten. Dieses gilt sicher nur für einige Auserwählte. Aber viele andere leben fort im Gedächtnis der Gläubigen, aus deren Mitte ein gewaltsamer Tod sie herausgerissen hat.

Der Abgrund des Bösen
Die Frage nach dem Märtyrer wird im Blick auf die zwölf Jahre nationalsozialistischer Herrschaft gestellt, die für den heutigen Betrachter wie ein Unwetter, wie ein Tornado über unser Land, unseren Kontinent hinweggefegt sind, eine wüste Stätte hinterlassend, entsetzliche Mahnmale unmenschlicher Grausamkeit und tiefen Hasses auf alles, was gezeichnet war vom Geist. Vor diesem Haß verlor der einzelne Würde, Schicksal und Namen - er wurde anonym.

Niemand weiß die Zahl derer, die unschuldig gequält, gefoltert, getötet wurden in den Lagern, Häusern, Kammern, die eigens dafür eingerichtet wurden; sie wurden in ihren Wohnungen überfallen und erschossen - wie die Verdächtigen im Zusammenhang mit dem Röhm-Putsch - oder im Schatten eines Wäldchens am Rande einer rasch ausgehobenen Grube - wie die Nonnen von Nowogrodek. - Niemand kennt auch die Namen derer, die bei den militärischen Bewegungen vor oder zurück in ihren Katen und Dörfern überrollt und verwundet wurden und elend starben; die im eisigen Zugriff russischer Winter, im Inferno der Bombenangriffe, in den Todesschluchten der Flucht zu Wasser und zu Land dahingemäht, dahingesiecht, dahingesunken sind. Die Bilanz des Todes ist ungeheuerlich! Nicht eingefangen in die Zahlenkolonnen der Statistik sind die Leiden, die Ängste, die seelischen und körperlichen Qualen, die dem je eigenen Tod des einzelnen Menschen vorangegangen sind oder die er ausstehen mußte beim Anblick des Todes geliebter Menschen.

Das ganze Geschehen bleibt unvorstellbar; es wird, so meine ich, um so unvorstellbarer, je mehr sich Geschichts- und Gesellschaftswissenschaft mit unendlicher Mühe in zahllosen kleinen und großen Untersuchungen bemühen, dem Geheimnis dieser spukhaften zwölf Jahre auf die Spur zu kommen, das irrationale Geschehen der Ratio zugänglich das Unbegreifliche begreiflich zu machen. Man hat es mit großer Akribie als Folge politischer Irrtümer, wirtschaftlicher Fehler, propagandistischer Leistungen oder Fehlleistungen erklärt, als Ergebnis falscher Entwicklungen, emotionaler Abhängigkeiten, nationaler Imponderabilien und historisch, philosophisch oder psychologisch festgezurrter Weichenstellungen.

Aber das Einzigartige dieser Zeit, das unverhüllt Dämonische, das abgründig Böse kommt so nicht in den Griff! Alle wie immer angelegten Untersuchungen hinterlassen einen nicht reduzierbaren Rest von Übermaß an Bösem, der sich nur noch selbst erklären kann, d.h. man muß ihn als solchen zur Kenntnis nehmen und darf ihn keinesfalls - weil er sachlich überflüssig sei - als unwesentlich aus der Betrachtung ausschließen. Was veranlaßt den Starken, den, der schon fällt, auch noch zu treten, zu zertreten? Den, der schon am Leib und an der Seele verwundet ist, auch noch zu quälen, bevor man ihn umbringt? Den Wehrlosen, der nicht mehr kämpfen kann, ja, der nichts mehr hat, womit oder wofür er kämpfen könnte, Feigling zu nennen und ihn noch im Triumph zu töten?

Wo immer wir nationalsozialistischem Herrschaftswillen und Herrschaftsstil hinter den blutroten Kulissen fahnengeschmückter Propaganda begegnen, stoßen wir auf diesen rasenden Vernichtungswillen. Er kann nicht mit irgendwelchen sachlichen Zwängen oder Zwecken erklärt werden, sondern er muß uns je neu erschüttern und erschrecken als Niederschlag des Bösen, zu dem der Mensch fähig ist, das als Potential in ihm vorhanden ist und wirksam bleibt, auch wenn er lesen und schreiben kann, die Zehn Gebote kennt, weiß, wer Goethe ist, und behauptet, Beethoven zu lieben... Das war und ist ja das Unbegreifliche, daß dieser Ausbruch des Bösen geschehen konnte, als der Stand unserer Allgemeinbildung in Deutschland hoch war, als das kulturelle Leben in unserem Lande zunehmend ein Angebot für alle wurde. Sicher müssen wir seitdem umdenken in bezug auf das, was Bildung ist, was Bildung vermag und ob dieser Ausdruck überhaupt noch angebracht ist, wenn er vom göttlichen Urbild nichts mehr weiß, ohne das es doch keine Bildung des Abbildes geben kann. Dieses Böse wirft eine geschichtstheologische und auch eine anthropologische Frage auf, sofern es nicht einfach geleugnet wird, wie es heute weithin geschieht. Dieses irrationale Böse hat sehr unterschiedliche Wirk- und Erscheinungsweisen. Die Tatsache, daß es sich heute - wenigstens in unserem Land - nicht mehr der brutalen, ideologisch sanktionierten Gewalt bedient, heißt nicht, daß es abgewirtschaftet hätte. Es gibt noch andere und vielleicht furchterregendere Weisen, an der Zerstörung des Menschen zu arbeiten.

Was damals im hemmungslosen Herrschen-Wollen durch Vernichten zum Durchbruch kam, hat biblische Dimensionen. Kein anderes Buch spricht so wahr wie die Bibel, so anschaulich und zugleich abgründig von dem, "was im Menschen ist": von der Freiheit, Gutes zu wählen oder Böses, den Dienst im Reich Gottes oder das anmaßende Aufbegehren gegen Gott.

Die Wahrheit des Guten
Dieser kurze Aufriß darf nicht mißverstanden werden, als sollten schon alle jene zu anonymen Märtyrern gemacht werden, die irgendwie zwischen die Mühlsteine dieses weltweiten Gerichtes geraten waren. Dies muß nicht so sein. Wer ein Opfer des Bösen wurde, wird nicht schon dadurch ein Zeuge des Guten. Aber die anonymen Märtyrer waren in der Menge verborgen wie die Hefe im Teig, wie das Salz in der Speise, eingehüllt in die Anwesenheit des verborgenen Gottes und um seinetwillen Lichtträger bei hereinbrechender Finsternis.

Zeugnis
"Martyres non facit poena, sed causa" - Märtyrer wird man nicht durch das Leiden, sondern durch den Grund, um dessentwillen man leidet.
Diese knappe Definition des hl. Augustinus enthält als erstes Merkmal zur Begriffsbestimmung des Märtyrers den Hinweis auf das Leiden, das zu ihm gehört. Gemeint ist körperliches Leid; gemeint ist ferner, daß einem dieses Leid von anderen zugefügt wird. Beides soll bedacht werden.
Das Erste schließt eine ganz bestimmte Vorstellung des Verhältnisses von Leib und Geist ein, das heute durch zuviel Psychologie eher verdunkelt wird. Die Einheit von Geist und Leib ist derart, daß alles, was am anderen sichtbar ist, Auskunft gibt über das, was prinzipiell an ihm unsichtbar ist und bleibt: sein Geist, seine Seele, seine Gesinnung. Sie verleiblichen sich in jedem Blick und Wort, jeder Geste, jeder Bewegung, jeder Tat, bis hinein in die Verleiblichungen, die wir Kultur nennen. Umgekehrt wird der Geist, gebunden an den Leib, durch eben diese Bindung mit einbezogen in dessen Verwundbarkeit. Nicht, als ob es nicht eine eigene Verletzlichkeit des Geistes unabhängig von einer gleichzeitigen und direkten Betroffenheit des Leibes gäbe. Aber hier, wo es um das Leiden des Märtyrers geht, muß vom gewaltsamen physischen Leiden gesprochen werden und von seiner elementaren Bedeutung für den Menschen in seiner Personmitte.

Das Zweite offenbart ein grundsätzlich antagonistisches Verhältnis zwischen Menschen, das nicht aus ihm allein heraus erklärt oder über- wunden werden könnte, sondern das prinzipiell mit den Gründen zusammenhängt, von denen her der Mensch lebt, auf die er sein Leben, mit seinem Leben setzt. Das Wort "Homo homini lupus est" - der Mensch ist dem Menschen ein Wolf - ist falsch, ungeachtet der unzähligen Male, an denen ein Mensch den anderen mit den Zähnen irgendeiner Gier zerreißt. Der eigentliche "Wolf" ist der Götze, dem der Mensch dient: der Götze Macht, Ehre, Lust, Besitz, Sensation ... In jeglichem Tun des Menschen inkarniert sich Geist und im Geist das Bekenntnis, daß ihm die letzte Autonomie fehlt. Der Mensch kann mit seinem Tun einem Götzen dienen - er kann auch Gott dienen. In jedem Falle dient er.

Konfrontation mit dem Bösen
Aussicht auf physischen Schmerz erzeugt zuerst und vor allem Angst. Sie demoralisiert schneller und tiefergreifend als alles, was man einsetzen könnte, um moralischen Widerstand zu brechen. Die Nazis haben - wie alle diktatorischen Regimes - dieses Drohmittel vom ersten Tage ihrer Herrschaft an mit ebenso unerhörter wie unerwarteter Vehemenz und Konsequenz eingesetzt; wie man weiß, mit vollem Erfolg! Die Menschen sind vor ihren dröhnenden Marschtritten in ihre Häuser geflüchtet, oder sie sind mitmarschiert, mitgelaufen - sie sind so oder so ausgewichen.

Angst vor physischem Schmerz gilt diesem Schmerz selber; sie ist darüber hinaus Angst davor, durch den Schmerz von sich selbst getrennt zu werden; schließlich ist körperlicher Schmerz eine Vorform, eine Spielart des Todes. Von sich selbst getrennt zu werden hieße z. B unter anderem getrennt zu werden von dem Willen, den Schmerz auszuhalten, durch zu großen Schmerz zum Verrat an seinen sittlichen Grundsätzen gereizt zu werden, so daß die Versuchung aufsteigt, zum Mörder dessen zu werden, der mich quält. Für die Märtyrer des Dritten Reiches die im Zusammenhang mit dem 20. Juli verhaftet und vielfältiger Folter ausgeliefert wurden, war vor jedem neuen Verhör die größte Angst die, durch die Schmerzen zur Preisgabe der Namen ihrer Freunde verführt zu werden, nur um der Pein zu entkommen. Zum Märtyrer gehört, daß er zu widerstehen vermag und damit in die Schußlinie jenes Vernichtungswillens gerät, von dem die Rede war.

Die Begegnung mit dieser Gestalt des Bösen gehört in die Definition des Märtyrers, weil nur sie jene existentielle Angst erzeugt, die mit letzter Unerbittlichkeit zum Bekenntnis des Geistes herausfordert, in wessen Dienst sein Leben steht, auf welchem Grund es gebaut ist. Viele, zu viele haben - nicht ohne Bitterkeit - erfahren daß sie auf Sand gebaut hatten. Um so bewundernswerter sind jene, die in den Augenblicken, Tagen, Wochen äußerster Herausforderung das, was die Nazis eigentlich treffen wollten: den sich empörenden Geist, sich erhielten, schützten, unverletzt bewahrten, indem sie den in Angst aufbegehrenden Leib dahingaben zum Zeugnis für den Vorrang von Geist und Gesinnung vor den Ansprüchen physischen Überlebens.

Man darf sich dieses Zeugnis nicht einfach vorstellen. Der Mut der hier gefordert wird, hat eine ganz andere innere Struktur und Qualität als z B der Mut eines Astronauten oder eines Bergsteigers. Das Widrige, mit dem diese zu kämpfen haben, ist apersonal. Es stellt die grundsätzliche Überlegenheit, die prinzipielle Ranghöhe der eigenen Existenz nicht in Frage.

Anders, wenn man zum Objekt des Hasses, der Verachtung, der brutalen Auslassung böser Überlegenheit wird. Die innere Kränkung, die Verletzung der Selbstachtung, der Empfindung von Wert, Würde Grenze, die Erfahrung innerer und äußerer Ohnmacht, sind vernichtend. Gegen dieses alles wehrt sich ein tief sitzender Selbsterhaltungswille, der an allen ethischen Maßstäben vorbeidrängt und Böses mit Bösem vergelten möchte. Standhalten inmitten dieses vom Unrecht entfesselten Sturms macht den eigentlichen Starkmut des Märtyrers aus. Keiner hat ihn am ersten Tage. Es braucht nach Aussagen aller, die dergleichen durchgestanden haben, vor allem Demut und einen je tiefer ansetzenden Glauben. Ein Geistlicher, der Opfer eines solchen Folterverhörs geworden war, erzählte, daß ihm erst nach Tagen inneren Vernichtetseins der erste Aufblick zu Gott, das erste Gebet im Glauben wieder möglich gewesen sei – eine Erfahrung, die ihn tief erschreckt und mit heiliger Furcht um die Gnade des Glaubens erfüllt hatte. Ein anderer kam als moralisch gebrochener Mann aus seinem Verhör, weil er schon nach dem Anlegen der ersten Daumenschrauben verraten hatte, was man von ihm wissen wollte.

Bekenntnis zur Wahrheit
Daß Leid und Tod Zeugnischarakter haben, haben die Menschen immer gewußt. Immer haben sie gewußt, daß leben, richtig leben eine todernste Angelegenheit ist. Verhüllt oder offen stellt jedes Leben auch ein Bekenntnis dar zu einem Wofür. Dieses entzieht sich im Einzelfall vielleicht der satzhaften Aussage; dennoch bildet es die geheime Lichtquelle, den verborgenen Wert- und Sinngrund, der den inneren Zusammenhang und Zusammenhalt aller einzelnen Akte, in denen sich Leben vollzieht, garantiert.

Wenn Leiden allein schon zum Märtyrer machte, wäre deren Zahl Legion. Aber schon die Bibel belehrt uns, daß es unterschiedliche Formen des Unterganges gibt: Es gibt auch ein Zertretenwerden, weil das Salz schal geworden ist (vgl. Mt 5,13). Würde es andererseits genügen, Zeugnis zu geben für seine eigene Überzeugung, dann wären die Nazis im Recht gewesen mit ihrer Märtyrerideologie aus der Kampfzeit, mit ihrer Heldenverehrung an der Feldherrnhalle. Wir heute mit unserem auf subjektive Echtheit verkürzten Wahrheitsbegriff neigen dazu, jeden, der zu seiner Meinung steht - und sei sie noch so verbohrt -, schon um dieser Treue willen zu bewundern. Aber dieses Zeugnis für sich selbst und den eigenen Starrsinn bleibt allzu fragwürdig wegen der gefährlichen Nähe zu geistigem Hochmut, der dem authentischen Zeugnis des Märtyrer radikal entgegengesetzt ist. Wir müssen darum der Frage nach der Beschaffenheit des Grundes, für den ein Märtyrer leidet und stirbt, etwas genauer nachgehen. Dabei werden wir auf Axiome christlicher Daseinsdeutung stoßen, die nicht mehr zum selbstverständlichen Allgemeingut gehören.

Der Grund für das Leiden des Märtyrers muß in der Wahrheit des christlichen Glaubens liegen - so der hl. Augustinus. Die Gläubigen des Alten Bundes haben gewußt, daß die Verehrung fremder Götter bereits Verrat an dem einen Gott Jahwe war, und es gibt unvergessene Zeugen für das Wissen um die Heiligkeit dieses einen Gottes, um die Heiligkeit auch der Beziehung zu ihm, die selbst den Schatten der Untreue nicht vertrug.

Durch die Menschwerdung Gottes in seinem Sohn Jesus Christus hat sich unser Gottesverhältnis verändert; die Möglichkeiten, ihn zu verehren, ihm zu dienen, haben sich verdichtet und vervielfältigt. Dies ist nicht nur eine Anspielung auf den Übergang vom einen Tempel in Jerusalem zu den vielen Altären unserer Kirche, sondern es soll mehr noch hinweisen auf die Inkarnation der göttlichen Wahrheit in das Mysterium Kirche. Im weitesten Radius ihres Selbstverständnisses umfaßt sie auch jene Geringsten, von denen der Herr sagt, daß er in ihnen verborgen sei (vgl. Mt 25.40.45).

Identität von Glaube und Leben
Der Geist, der diesen Leib belebt, erhält dessen innere Einheit durch sein Wirken zugleich von oben und von unten:
" Von oben" soll heißen, daß die Herabkunft des Geistes sich je neu aktualisiert in der Verkündigung des Wortes, in der Spendung der Sakramente, in der Erfüllung des Liebesgebotes Christi, in der Ermutigung der Gläubigen, den Weg der Gebote Gottes und der Nachfolge Christi, der Seligpreisungen zu gehen ...
Derselbe Geist bewegt aber im gegebenen Augenblick gleichsam "von unten" das Herz eines einzelnen Menschen, sich selbst schützend, verteidigend, helfend, bekennend für ein konkretes Gut einzusetzen, indem er plötzlich die Identität von Glauben und Leben für sich aufleuchten und auf die Probe gestellt sieht. Konkret denke ich dabei z. B. an all jene, die Freiheit und Leben riskiert haben für die Verteidigung und Rettung ihrer christlichen oder jüdischen Freunde; oder an jene, die sich damals gedrängt fühlten, das überfällige Wort der Kirche, das päpstliche Rundschreiben "Mit brennender Sorge", heimlich zu vervielfältigen und unter die Gläubigen zu bringen; oder an jene Männer und Frauen, die sich weigerten, die ihnen zugewiesenen Kriegsgefangenen bei der Arbeit in bezug auf Nahrung, Kleidung, ärztliche Hilfe schlechter zu behandeln als ihre deutschen Landsleute. Viele von ihnen wurden deswegen als Saboteure in Haft genommen, aus der nur wenige lebend und keiner gesund wieder nach Hause kam. Ich denke an jene, die sich weigerten, die Verstecke ihrer Söhne oder Ehemänner preiszugeben, und dafür weggeschleppt wurden; an die Betreuer alter und kranker Menschen, die sich weigerten, die ihnen Anvertrauten den Vernichtungstrupps auszuliefern.
Ich denke an den elsässischen Verleger, der getreulich katholisches Schrifttum für deutsche Soldaten gedruckt hatte und dennoch - bzw. deswegen - anschließend von den französischen Kommunisten als Nazi gefangen und schließlich einem elenden Tode ausgeliefert wurde - oder an den Bauern in der Nähe von München, der für den flüchtigen Jesuiten-Provinzial auf seinem Hof ein Versteck bereitgehalten hatte, wofür er eines Tages mitsamt dem Provinzial und dessen Sekretär, mit seinen beiden Söhnen, dem Pfarrer des Ortes und dem Bürgermeister in Haft genommen wurde.

Es läuft immer auf dasselbe hinaus: An irgendeiner Stelle erkennt jemand plötzlich, daß nun der Augenblick gekommen ist, ungeachtet aller Folgen zu bekennen, daß er Christ ist, sich zum Gehorsam gegenüber Christi Gebot verpflichtet weiß, selbst um den Preis des eigenen Lebens.

Zum authentischen Martyrium gehört dieses In-eins-Fallen von göttlichem Gebot und tätigem, öffentlichem Bekenntnis, die Gleichzeitigkeit der Inkarnation des Geistes von oben und von unten. Dabei kommt unmißverständlich zweierlei heraus, das gleichermaßen konstitutiv ist für christliche Existenz: Zum Blutzeugnis für Christus wird man geführt - "ein anderer wird dich führen, wohin du nicht willst" (Joh 21,8) -; man kann es nicht planen, vorauskalkulieren. Und im Zeugnis selbst bezeugt sich Christus durch unser Leiden und Tun hindurch: "Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen ... Sorget nicht ängstlich, alles wird euch eingegeben werden." (Joh 15,20; Mt 10,19)

Märtyrer, deren Selbstzeugnisse aus den letzten Tagen wir kennen, besingen und bekennen immer wieder dieses: daß sie in ihrer Not von Gott erkannt, heimgesucht, gestärkt und getragen wurden über die Grenzen ihrer eigenen Kraft hinaus, die ja oft nichts anderes war als weinende Schwäche. In diesem Gestärkt- und Getragenwerden offenbart sich eine Grundstruktur erlösten Daseins: Nicht mehr wir leben - Christus lebt in uns (vgl. Gal 2,20). Sie gilt nicht nur für den blutigen Ernstfall des Martyriums, sondern gehört in die Definition unseres Lebens als Christen aus dem Geheimnis der Taufe.

Bekenntnis als Kampf
Der christliche Glaube hat seine eigene Dynamik, die aus dem Sendungsauftrag Christi stammt: Er drängt in die Verkündigung, er drängt in die Öffentlichkeit! Diese Verkündigung löst jedoch vom ersten Tage an auch aggressiven Widerspruch aus, gegen den der Glaube verteidigt werden muß. Die sieghafte Verteidigung hat nicht selten die Gestalt der Niederlage, bevor ihre eigentliche Kraft sich durchsetzen kann.

Dieses Gesetz bestimmte schon das Leben und Wirken Christi, dieses Gesetz bestimmt auch das Leben und Wirken der Kirche: es muß auch unser Leben bestimmen. Dabei ist es prinzipiell unwichtig, ob die Mehrzahl der Menschen der Wahrheit des Glaubens zustimmt oder nicht. Das Evangelium warnt ausdrücklich davor, hinter jenen herzulaufen, die von dieser Botschaft nichts wissen wollen: Das harte Wort von den Perlen, die man nicht den Säuen vorwerfen soll (vgl. Mt 7,6), gehört hierhin.

Es gibt heute in der Kirche eine Neigung zur Anpassung an die Umwelt, die es erlaubt erscheinen läßt, auch den erklärten Gottesleugner als anonymen Christen zu vereinnahmen; es gibt eine neue Weltoffenheit, die es für einen erstrebenswerten Höhepunkt menschenfreundlicher Toleranz hält, sich mit dem Grad subjektiver Überzeugtheit als letztem Wahrheitskriterium zu begnügen; es gibt einen weltweiten Verbrüderungswillen, der es für das Gebot der Stunde hält, um des Friedens und der Einheit willen auf jegliche Form der Selbstbehauptung im Glauben und in der Wahrheit zu verzichten. Diese Art der Menschenfreundlichkeit suchen wir jedoch bei Jesus Christus vergebens. Dazu hat er sich zu deutlich als Eckstein gesetzt, an dem die Geister sich scheiden müssen. Sein Wort stiftet nicht nur Frieden und Eintracht, sondern dieser Friede, den er stiften will, bewirkt auch Widerspruch und Feindschaft (vgl. Mt 10,21 f. 34-36).

Dort, wo der Glaube nicht positiv in der Verkündigung stehen kann, da steht er notwendig in der Verteidigung - eine dritte, sozusagen neutrale Stellung kann er nicht einnehmen, kann man auch ihm gegenüber nicht einnehmen. "Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut." (Lk 11,23)

Aus dieser Kennzeichnung des Glaubens als Wahrheit, der widersprochen wird, ergibt sich, daß zum Glauben der Kampf um den Glauben und für den Glauben gehört. Ich weiß: Wer heute "Kampf sagt, wird gehört, als hätte er "Krieg" gesagt, und wer "Krieg" sagt, wird gehört, als hätte er atomare Vernichtung gemeint. Deswegen gibt es wohl heute - auch in der Kirche - eine Friedensliebe, die das Wort vom Kampf scheut, die Kampf als eine nicht zu christlicher Gesinnung passende Aktionsart ablehnt, ja, die erschrickt, wenn sie merkt, daß das Bekenntnis zu Christus ihr auch Feinde schafft. Aber wer so denkt, greift zu kurz mit seiner Vorstellung vom Drama unserer Heilsgeschichte: "Mors et vita duello conflixere mirando - Tod und Leben liegen miteinander in einem erstaunlichen Streit" (Osterhymnus)! Diese knappe Kennzeichnung christlichen Daseinsverständnisses ist gültig wie eh und je - vor 50 Jahren war sie uns außerdem geläufig.

Dieser im Unsichtbaren sich zutragende Kampf zwischen Tod und Leben weitete sich damals spürbar aus in eine neue geschichtliche Dimension hinein gemäß dem verborgenen Wachstum des Reiches Gottes in dieser Welt. Das Schlachtfeld der Auseinandersetzung - das eigentliche, kleine, scheinbar unbedeutende - liegt im Herzen jedes Gläubigen, in seinem Gemüt, seiner Seele, eben da, wo er über sein kleines oder großes Ja zu Gott und Seinem Willen entscheidet.

In der Nazi-Zeit blieb man nicht leicht unschuldig. Blieb man es in den Augen der Nazis, war man es kaum vor dem eigenen Gewissen - blieb man es vor dem eigenen Gewissen, gelang es kaum in den Augen der Nazis. Beim Vorbeigehen an einer offiziellen Pförtnerloge, einer Wache eben doch "Heil Hitler" sagen, bei öffentlichen Veranstaltungen doch die Fahne grüßen, Kompromisse machen, wenn nationale Interessen auf dem Spiele standen, jüdische Freunde und Geschäfte meiden, dem offenen Bekenntnis ausweichen, die politische Wirklichkeit oder die sittliche Selbstachtung durch schwarze Geschäfte mit Schiebern verraten, buhlen um Protektion von Mächtigen, Tarnung suchen hinter Zugeständnissen ... Es gab zahllose Weisen, sein Gewissen zu belasten, zu täuschen, zu beruhigen -, Angst machte aus uns allen Feige, und der innere Gewissenskampf um das Erkennen der Grenze zwischen "politisch klug" und "moralisch verwerflich" kam nie zu Ende. Wann hatte man sie überschritten und dem gottlosen Führerkult eben doch das Weihrauchkörnchen gezollt, mit dem man zwar sein Leben rettete, aber seine Seele verlor? Die Tragik vieler Opfer dieser Zeit liegt darin, daß sie mit ihrem Leben für eine Unvorsichtigkeit büßen mußten und gerade nicht für ein Bekenntnis, das den Einsatz des Lebens wert gewesen wäre. Und für viele begann der Kampf ihres Gewissens erst, nachdem sich die Gefängnistür hinter ihnen geschlossen hatte. Was für eine "Wahrheitsliebe" war es, die dazu verleitet hatte, heimlich den englischen Rundfunk zu hören, wenn doch bekannt war, daß Todesstrafe darauf stand?
Dennoch: wir unterschätzen unsere Bedeutung im Reich Gottes, wenn wir meinen, uns heute von diesem Kampf dispensieren zu können, der ein Kampf "gegen die Mächte, gegen die Gewalten, gegen die Weltbewohner dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den Himmelshöhen" (Eph 6,12) ist. Er ist die dem Tageslicht abgewandte Seite unserer Nachfolge Christi. Dort liegen die Wurzeln - wer sie noch nicht für seinen Glauben entdeckt hat, wartet vergeblich auf dessen Früchte. Dabei betont das Evangelium in vielen Bildern und mit eindringlichen Worten des Herrn, von woher seinen Jüngern Gefahr droht und wie ihre Anstrengungen aussehen müssen, um sich vor ihr zu schützen.

Der Kampf des Glaubenden um seinen Glauben ist immer auch Kampf um Treue gegenüber einem sittlichen Wert, in dem der Glaube sich manifestiert. Der Kampf richtet sich darum zuerst gegen die eigene Sünde, gegen das Unrecht, das im Innern aufsteigt, das von außen als Verführung naht, von innen als Versuchung zum Verrat. Es ist Kampf gegen den sinkenden Mut und die erliegende Hoffnung, Kampf um Wachheit des Knechtes, der seinen Herrn auch zur ungewohnten Stunde erwartet, gegen die Schwachheit des Fleisches, das uns - wie oft! - mit der Ausrede von zu großer Müdigkeit dem Werk, zu dem der Geist uns drängen möchte, entzieht! Im Kampf des Glaubens um den Glauben und für den Glauben ist das erste, worauf es ankommt, der Kampf um die Aufmerksamkeit und Bereitschaft von Geist und Herz zum Gehorsam gegen Gottes Wort und Willen. Er ist eine Grundübung christlicher Aszese. Was anders meint der Herr mit seinem Anruf: "Wachet und betet" (Mt 26,41)?
Eine solche Haltung improvisiert man nicht, man muß in ihr geübt sein. Sie würde ja auch nicht als punktueller Coup hier und jetzt genügen, um einen Menschen zum Zeugen zu machen, sondern in dieser Haltung muß er Stand gefaßt haben. Die auszeichnende Tugend des Märtyrers ist die Festigkeit im Widerstand gegen den Unglauben und gegen die schillernde Vielfalt seiner verführerischen Spielarten.

Der Grund zur Hoffnung
Nicht das Leiden macht den Märtyrer, sondern der Grund seines Leidens. Dieser muß, um zu überzeugen, gedeckt sein von der Wahrheit der Offenbarung. Der Zeuge muß zudem kämpfend - das heißt nicht: angreifend, wohl aber: verteidigend und jeder Verleugnung widerstehend - für dieses ihm anvertraute Glaubensgut christlichen Lebens eintreten. Dieses Eintreten muß schließlich in Hoffnung geschehen. Sie ist letztlich die Kraft, die bestehen läßt.
Für unzählige Menschen schwand mit dem Beginn der Nazi-Zeit, mit der Ausweitung nationalsozialistischer Macht jede Aussicht auf Erfüllung dessen, was sie bis dahin zu Recht für ihre Zukunft erwartet hatten. Ihr Leben wurde gezeichnet von Verzicht und Verlust, so daß es seine menschliche Vollgestalt nie mehr erreichen konnte.

Das gilt, wie wir alle wissen, in nicht auszudenkendem Maße für die Juden, denen das furchtbare Los zugefallen war, im Machtbereich Adolf Hitlers geboren worden zu sein. Es gilt darüber hinaus für alle, die in aktivem oder passivem Widerstand versuchten, dem Unheil Einhalt zu gebieten; insbesondere für jene zahllosen tapferen Frauen und Familien, die das Schicksal ihrer Männer und Söhne - unter Umständen über Jahre hinweg! - in ihrem vergeblichen Kampf gegen das verbrecherische Regime begleitet haben. Sie haben leidenschaftlich mit ihren Männern gekämpft, haben für sie gekämpft, haben mit ihnen und um sie gezittert und haben vor allem in der Stunde der Gefahr, der Verfolgung, des Todes mit der ganzen Kraft ihres Herzens deren Hoffnung auf einen gerechten Richter geteilt, vor dem ihr Leben bestehen konnte, das von den Menschen verworfen wurde. - Es ist unter Umständen schmerzlicher, nicht selbst das Opfer zu sein, sondern nur danebenzustehen. Die Kirche hat davon immer gewußt. Gewiß, Christus ist der Märtyrer schlechthin; aber seine Mutter, die "nur" unter dem Kreuz stand und nicht selber daran hing, verehren wir als Königin der Märtyrer.

Die große Versuchung gegen die Hoffnung ist die Bitterkeit; sie wiederum ist die Versuchung der Gerechten. Wer Unrecht. Schaden, Nachteile auf sich nehmen muß als Quittung für das Unrecht, das er selber im Kampf um die Macht beging, entdeckt in diesem Zusammenhang ein Korn Gerechtigkeit, das ihn die Folgen unbekümmerter tragen läßt als jenen, dem Unrecht geschieht, weil er Recht tat in Gottes Namen! Für diesen wird die Versuchung, an Gott zu zweifeln und gegen ihn zu hadem, riesengroß. Die alte Hiobsklage ist in den schrecklichen Jahren tausendfach gegen den verschlossenen Himmel aufgestiegen.

Dennoch sollte, so scheint mir, die Frage nicht lauten: Worauf hoffen wir? Sondern: Was ist der Grund, der uns hoffen läßt? Aufgrund von wem oder was haben wir überhaupt Hoffnung?

In unserer Menschheitsgeschichte gibt es ein einziges Ereignis, das wahrhaft weltüberwindende, welterneuernde Kraft bewiesen hat: Tod und Auferstehung Jesu Christi! Ihm ist vorgelagert die Stunde der Todesfurcht im Ölgarten ...

Es gibt unendlich verschiedene Grade und Schattierungen, in denen die Teilhabe an der Agonie von Gethsemani unter uns gegenwärtig war und ist, aber: daß der Klageruf sich an den Vater wendet, bewahrt vor Verzweiflung; die Bitte um Erfüllung Seines Willens ist die letzte Gestalt der Hoffnung angesichts des Todes.

Die Anonymität des Zeugnisses
Mehr und mehr wird die Anonymität ein Merkmal unseres zu Ende gehenden Jahrhunderts, das doch an seinem Beginn den Kampf für Freiheit und Würde des Individuums so mutig auf seine Fahnen geschrieben hatte. Die Nazi-Zeit hat uns ein Erbe hinterlassen, das eine besondere Herausforderung an uns Christen darstellt. Wir müssen Antwort geben.

In der Nazi-Zeit hatte die Anonymität verschiedene Ursprünge und auch unterschiedliche Grade. Die große allgemeine Entindividualisierung, deren sichtbarer Ausdruck die durchgehende Uniformierung war, geschah unter Berufung auf die Volksgemeinschaft als einem Wert von absolutem Rang, vor dem der einzelne nichts mehr galt. Neben ihr entwickelte sich eine frei gewählte Anonymität: Der einzelne wollte namenlos bleiben für seine Umgebung aus Angst vor ihr. Viele Menschen haben diesen Weg der inneren Emigration gewählt. Manche sind innerlich darin umgekommen, weil auch der Verrat am Geist sein Maß hat; wird dieses überschritten, zerstört er sich selbst.

In den großen Sammellagern gab es darüber hinaus eine echte Namenlosigkeit. Kaum einer wußte vom anderen, wie er hieß, wer er war, und ich bezweifle, daß man in den Schreibstuben es wußte. Ich denke, daß zahllose Menschen, ohne daß noch irgendwo irgend etwas von ihnen Kunde gab, in diesen Lagern zugrunde gingen - unbekannt, unbemerkt, unbeweint, unbeerdigt. Ihr Tod löste nicht das kleinste Echo aus; in vielen Fällen war er noch nicht einmal eine Nachricht wert, weil man weder den Namen des Toten noch eine Adresse zu ihm gehörender Überlebender wußte. Anonymes Sterben ging vor sich, wie wir es sonst nur aus Naturkatastrophen kennen.
Schließlich gab es eine Anonymität, die von den Nazis bewußt erzeugt wurde, und sie trifft eigentlich ins Herz: das Verschweigen, Verschwinden-lassen von Personen, die Verweigerung jeder Auskunft, jeder Zeugenschaft, jedes Kontaktes mit Familie, Freunden, Anhängern ... Heroismus in Verhören hinter Schloß und Riegel war dadurch von vornherein entwertet: Da er keine Zeugen hatte, konnte auch niemand die Richtigkeit dessen überprüfen, was später als Ergebnis dieser geheimen Vernehmung der Öffentlichkeit mitgeteilt wurde. Wie vielen ist da der letzte Hohn gesprochen, die letzte Ehre genommen, der letzte Verrat unterschoben worden! Dieses rechtlose und gewaltsame Namenlos-gemacht-werden, die Zerstörung der geistigen Identität dieser Person mit ihrer letzten Selbstaussage, ihrem letzten Selbstzeugnis, das ist der höchste Grad geistig-personaler Enteignung, kaum, mehr zu unterscheiden von jener, für die chemische Medikamente eingesetzt werden.
Die Verurteilten selbst ahnten wohl dieses Schicksal mehr, ohne daß ihnen die Tragweite bewußt wurde. Sie erfuhren die stumme Finsternis ihrer Verlassenheit als Hölle und darin ein Kennzeichen dieses Jahrhunderts am eigenen Leibe, von dem wir heute mit Entsetzen begreifen, wie zukunftweisend es war!

Wer in solchen Stunden nicht glauben konnte - und wenn auch nur mit letzter Kraft -, daß es über allem doch einen hörenden, gegenwärtigen, gerechten Gott gibt, der hielt schwerlich durch. In den meisten Zeugnissen, die wir kennen, geht vom Gedanken an diesen unsichtbaren, aber ganz gegenwärtigen Zeugen Kraft aus, tragende Kraft, die half, das Zeugnis durchzustehen.
In einem Jahrhundert millionenfachen Sterbens wird der Tod des einzelnen verschlungen vom sinnlosen Auf und Ab der Geschichte. Romano Guardini erwägt in seinem Buch "Die Existenz des Christen", "ob nicht seit einiger Zeit - schwer zu sagen, seit wann - etwas vor sich gegangen ist, das man nur als eine Kapitulation vor dem Tod bezeichnen kann?...

Ein Nachlassen des Aufbegehrens gegen den Tod, das mit einer Schwächung des Gefühls für das Personale, für die Ehre und Würde des Menschen zusammengeht; ein Vorgang, der mit der Massenhaftigkeit des menschlichen Daseins einerseits und mit der technischen Rationalisierung andererseits zusammenhängen muß. Ich möchte hinzufügen: und mit der aus dem Marxismus stammenden Verabsolutierung von Geschichte, Welt und Gesellschaft - ihnen gegenüber zählt ebenfalls der einzelne nicht. Der Märtyrer allein durchbricht alle weltimmanente Geschichtsdeutung und erteilt ihr eine klare Absage.

Sein um Christi willen gewähltes Sterben ist ja gerade ein Aufbegehren gegen seine Vereinnahmung durch eine totalitäre Ideologie, sei sie gebildet um den Begriff Volk, Staat, Gesellschaft. Fortschritt, Sozialismus oder welchen Begriff auch immer.

Im Märtyrer kommt die Kategorie des Personalen zu Wort und meldet ihren Anspruch an auf unbedingten Vorrang vor allen anderen Kategorien: Im Märtyrer begehrt der einzelne im Namen seines unverlierbaren Rechtes auf seine eigene Freiheit und Wahrheit in Gott auf gegen jede andere Gesetzesmäßigkeit, die sich an Gottes Stelle setzen will, und wird so selbst zum eschatologischen Zeichen.

Diese Kategorie des Personalen ist heute bedroht von innen und von außen - das Phänomen der Anonymität ist nur ein Symptom, und zwar ein sehr alarmierendes, für diese bedrohliche Entwicklung. Denn mit dem Personalen ist unmittelbar das Geschaffensein aufgerufen, und beides zusammen mündet in die Gottesfrage. Da letztere seit langem aus dem öffentlichen Bewußtsein ausgeklammert ist, kann es nicht verwundern, daß sich das Wissen um das, was der Mensch ist, langsam verändert, verflacht, verkürzt: Er verliert Gesicht und Namen, und im Zusammenhang damit verliert sein Leben an Sinn und Gewicht.

Wir müssen diese Frage nach dem Menschen als des auf Gott bezogenen Wesens - sie ist aber nichts anderes als die Frage nach dem Menschen als Person - im Zusammenhang mit der Frage nach der Wahrheit sehen. Der Märtyrer ist Zeuge für die Wahrheit. Sie ist das Absolute, auf das der Geist des Menschen bezogen ist; sie ist der Titel, unter dem der erkennende Geist nach Gott fragt. Wird er ihr gegenüber gleichgültig, hat er für sie nur noch das Achselzucken des Pilatus übrig, wird er auch handeln wie Pilatus: seine Hände in Unschuld waschen und dem Unrecht freien Lauf geben. Das ist dann die vollkommene Gestalt der Lüge.

Vor ihr bewahrt uns auch die Liebe nicht, wenn sie nicht zuerst und vor allem Liebe zur Wahrheit ist - ist sie das nicht, hört sie auf, in Wahrheit Liebe zu sein. Denn: Nicht der Liebe, sondern der Wahrheit fügt Christus die Verheißung hinzu, daß sie ans Licht führt, daß sie uns freimachen werde (vgl. Joh 8,32). Er selber starb nicht wegen eines seiner guten Werke, sondern für den Anspruch, den er stellte: der zu sein, der Er ist.

Sich vom Licht und der Kraft dieses Anspruchs neu überzeugen zu lassen, macht erst den Menschen zum Christen, der nun Christi Zeuge sein kann.

Isa Vermehren
Erstveröffentlichung in: GEIST UND LEBEN
Mai/ Juni 1984, 57. Jahrgang, Heft 3, S. 200-214.
Vermehren, Isa
Süßmuth, Rita
Prégardier, Elisabeth
Homeyer, Josef
Herzog, Roman
Jacobeit, Sigrid
 
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